Ein AK Gibraltar veröffentlicht eine Kritik am (linken) Antispetum (via zeitrafferin). Nun gäbe es da tatsächlich eine Menge zu kritisieren, bspw., dass den linken Moralismen (“Basisbanalitäten”) einfach nur eine weitere hinzu addiert wird. Kam die Linke schon noch nie darüber hinaus, bestimmte Denkformen und Verhaltensweisen unter “Rassismus”, “Sexismus”, “Antisemitismus”, “Homophobie” und dergleichen einzusortieren, um sie so zu skandalisieren, anstatt sie inhaltlich zu kritisieren, so knüpfen linke Antispes genau daran an, treiben diese Blödheit allerdings auf eine absurde Spitze.

Die übliche linke Blamage basiert schließlich darauf, dass den “Unterdrückten” durch diese Denkformen und/oder Verhaltensweisen nicht als Freie und Gleiche behandelt werden würden – es wird sich also auf die bürgerlichen Höchstwerte von Freiheit und Gleichheit berufen. Das ist nun nicht blöd, weil es bürgerlich ist (das sagt schließlich über den Wahrheitsgehalt nichts aus), sondern weil es vom Inhalt abstrahiert und zwar nach beiden Seiten hin. Weder wird sich gefragt, welches Benutzungsinteresse da an den Unterdrückten vollzogen und (als deren Wesen entsprechend) gerechtfertigt wird, noch wird sich darum gekümmert, was die (durchaus verschiedenen) Willensinhalte der Unterdrückten so sind und was die taugen. Hauptsache soll sein, dass sie diese frei und gleich verfolgen können. Hinzu kommt, dass die Möglichkeit, den eigenen Willen – allen anderen gleich – frei auf ein Vorhaben ausrichten zu können, nicht nur nichts über die Tauglichkeit dieses Vorhabens aussagt, sondern auch für das Vorhaben selbst noch überhaupt nichts bringt. Dazu gehört schließlich nicht nur der Wille zu ihm, sondern es braucht schon noch die zu seiner Verwirklichung nötigen Mittel. Und an dieser Stelle sind wir selbstverständlich wieder bei der bürgerlichen Borniertheit der Linken. Denn das Abfeiern davon, seinen Willen auf alles mögliches ausrichten zu können (= zu dürfen!), ganz getrennt sowohl vom Inhalt des Willens, als auch den Mitteln zu seiner Realisierung, ist das Abfeiern des bürgerlichen Staats, welcher seinen Untertanen einen freien Willen erlaubt, sie aber per Eigentumsordnung erst mal ganz grundsätzlich davon ausschließt, sich die Mittel zu dessen Umsetzung einfach zu nehmen, sofern diese gesellschaftlich vorhanden sind. Weshalb sie ihren freien Willen darauf richten müssen an Geld als das einzige und qualitativ universelle Mittel zu kommen, um diesen Ausschluss zu überwinden, solange sie den bürgerlichen Staat nicht abschaffen.

Insofern ist es auch konsequenter, Tierrechte einzufordern, als Spezieismus als Herrschaft (= für Linke ungehörig!) zu denunzieren, eben weil der Ruf nach Freiheit und Gleichheit für Tiere nichts als der sozialdemokratische Ruf danach ist, dass der bürgerliche Staat auch diese als seine freien und gleichen Untertanensubjekte behandeln solle, so wie dies historisch einst die Arbeiterbewegung für ihre Klientel gegen ihn durchgekämpft und ihn so zur Vollendung gebracht hat. Dabei gleichzeitig nach der Abschaffung der Herrschaft, “also” auch der über Tiere zu rufen, ist schlicht in sich widersprüchlich und also absurd. Doppelt absurd ist dies, weil Viecher, als rein instinktgesteuerte Wesen, nicht einmal einen Willen haben, also mit der staatlichen Erlaubnis seiner Betätigung ohnehin nichts anfangen und diesen daher auch nicht beim Staat einklagen könnten.

Diese Kritik bekommt der AK Gibraltar aber selbstverständlich nicht auf die Reihe, weil er selbst Teil der Linken ist und daher auch nur die Moral zu bieten hat, dass Antispezieismus sich für gute Linke nicht gehöre. Denn dieser hinge schließlich untrennbar mit Singer zusammen, dieser untrennbar mit dem Nationalsozialismus und dieser ist schließlich undemokratisch:

Bis zum Auftreten Singers war in der bundesrepublikanischen Debatte eines klar: Wer Euthanasie befürwortet, ist ein Nazi. Euthanasie war innerhalb der deutschen Gesellschaft nach 1945 nicht mehr vertretbar und das aus gutem Grund. Die Ermordung von Menschen mit Behinderungen im nationalsozialistischen Deutschland war eben kein Missbrauch eines ›neutralen‹ Euthanasie-Diskurses, wie Singer dies behauptet. [...] Und dies nicht allein, weil hierdurch eine gesellschaftlich breite von ›historischen Lasten‹ freie Euthanasiedebatte möglich wurde, sondern auch weil er rechtsextreme Diskurse absicherte: Singer greift Themen auf, die für Nazi-Argumentationen anschlussfähig sind; er benutzt unkritisch und ohne jede Abgrenzung Ausdrücke der nationalsozialistischen Euthanasiedebatte wie »nicht lebenswert«; er folgt in seiner Argumentation teilweise Arthur Jensen und Hans-Jürgen Eisenck, die in der extremen Rechten als wissenschaftliche Kronzeugen für die vermeintliche Unterschiedlichkeit von Rassen d.h. Rassismus gelten. Ob Singer mit rechtem Gedankengut kokettiert, naiv oder ignorant ist, was auch immer: Die Rechten können sich auch heute noch bei ihm bedanken. Siegfried Jäger brachte dies Anfang der 190er Jahre auf den Punkt: »Der Singersche Diskurs ist insgesamt geeignet, rechtsextreme und rassistische Diskurse abzusichern, ihre Glaubhaftigkeit zu stärken.«

Auch hier ist der bürgerliche Staat (in seiner demokratischen Variante) schlicht der Maßstab, an dem Nazis, “also” Singer, “also” der Antispezieismus blamiert werden soll. Warum das nichts taugt, bekommt selbst ein dummer PoMo-Heini wie zapperlot noch mit (via tee):

Das ist den Konservativisten egal, diese Ordnung, so banane, irrational und herrschaftlich sie sein mag, ist »immer noch besser«, als wenn diese Ordnung zur vernünftigen Disposition stünde. Was da überhaupt verteidigt werden soll, ist weder angesehen, noch erkannt, noch verstanden.

Oder anders: Gegen die Nazis (inkl. Antispes) soll sprechen, dass sie von der FDGO abweichen. Für diese soll sprechen, dass sie nicht diese nazistische Abweichung von sich selbst ist. Dass die FDGO mit sich selbst identisch ist, versteht sich jedoch von selbst und kann kein Argument für sie und damit auch keins gegen Abweichungen (gleich welchen Inhalts) von ihr sein – auch wenn der AK Gibraltar in bester staats- und bewegungsantifaschistischer Tradition so tut.

Dumm nur, dass zapperlot diesen Fehler nur auf eine höheren Abstraktionsebene wiederholt, indem er jetzt Natürlichkeit statt demokratischer Herrschaft als Maßstab verwendet:

Diese Denkweise erlaubt kein kritisches Moment, erlaubt nicht, das Bestehende ideologiekritisch zu durchleuchten, auf seine Gemachtheit hin zu untersuchen.

Das “kritische Moment” gegen “das Bestehende” soll also seine (zumindest potentielle) “Gemachtheit” sein, also seine Abweichung vom Maßstab “einfach so da” = Natürlichkeit. Für diese soll sprechen, dass sie nicht (von Menschenhand) gemacht, sondern eben natürlich ist. Kurzum: der gleiche tautologische Mist in grün. Aber hey, ein “emanzipatives und utopisches Moment” ist da garantiert irgendwo dabei, also kann einem die inhaltliche Untauglichkeit auch scheißegal sein.